20./21.01.2026 - Eiswind Nr. 2

Die hübschen Polarlichter in der Nacht zum Dienstag habe ich, mangels Kenntnis, verschlafen. Am Folgeabend war ich aber online und konnte einen letzten Schwung, der mit glühend roten und grünen Schleiern sowie tanzenden Beamern den Nordhimmel verzierte, gemeinsam mit dem Kind bewundern. Wunderschön! Eigentlich waren wir für die normale Beobachtung draußen, aber von so einem Polarlicht lässt man sich gern unterbrechen. Ansonsten standen Jupiter ("das ist mein Liiiiieblingsplanet!", "ein Mond oben und drei unten", "zwei breite Streifen und am Rand oben ein Knubbel"), Plejaden ("sooo viele blaue Sterne!") und M42 ("der ist so breit wie einer der Rechenteufel") im kleinen Refraktor auf dem Programm, und im Dobson ("den finde ich viel besser!") gabs noch einen Blick auf M 35


Mein Wecker stand auf 00:30 Uhr, aber ich war schon vorher wach. Drei Stunden Schlaf, juhu. Draußen war es kalt. Der Außensensor vom Hausthermometer sagte was von -1,8°C, aber der hat mich veräppelt - es waren eigentlich -8°C. Müde ratterte ich die übliche Routine runter - Kaffee kochen, Klamotten umschichten, Buch präparieren, packen, die Bude halbwegs ordentlich hinterlassen und dann ins Dunkle eiern. In tieferen Lagen wirkte es bisschen dunstig. Seeing nicht gut. Keine Polarlichter. Schade, oder zum Glück? 


Irgendwas war mit der Halterung des großen Suchers; der zeigte irgendwohin, nur nicht nach dort, wo er hinzeigen sollte und ließ sich mit den Schräubchen nicht mehr korrekt verstellen. Egal was ich machte, es wurde nicht besser. Das gibts doch nicht! Der Zielstern schimmerte dann, nach viel Gewürge (und dem guten alten, reingeknüllten Papierfetzen), irgendwann zumindest am Rand des Gesichtsfelds herum - das reichte mir, um zum Objekt zu finden. Lang lebe der Papierfetzen! NGC 3782, ein schönes Teil! Ein länglicher Nebelklump, der von einem hübschen, dreiteiligen Sternumfeld eingerahmt ist. Oval, homogen, keine Details, relativ gut begrenzt, keine Wischi-Waschi-Kanten. Die Galaxie zeigt auf einen vierten, schwächeren Feldstern nördlich, der die Szene nett ergänzt.

(IONOS und diese scheiß Bildkomprimierung, es ist zum Verzweifeln.)


Sehr angetan war ich von NGC 3675, die schon in der Übersicht als helles, ovales Ei daherkommt. Bei 123x zeigt sich ein kräftiger stellarer Kern im Zentrum sowie ein Feldstern nahe der Südspitze. Auffällig - und für mich überraschend einfach zu sehen - ist der Helligkeitsabfall entlang der Ostkante. Nicht zu übersehen, wie abrupt die Galaxie abgeschnitten ist, während sie an der Westkante "ganz normal" stufenlos und diffus ausläuft. Wegen dieser Struktur wirkt es, als säße der Kern gar nicht mittig, sondern an den Rand versetzt. Ich hatte nicht damit gerechnet, das so deutlich sehen zu können, daher war ich sehr positiv überrascht; sonderlich gut war der Landhimmel ja schließlich auch nicht. Bei 370x bildete ich mir ein, dass an der Nordspitze auch noch was Schwaches herausblitzte, eine Handvoll Male an derselben Stelle.

Der latente, bissige Eiswind hatte sich verstärkt und allmählich stellte ich diese -2°C infrage. Hätte mal auf die Wetterstation oder Autodisplay schauen sollen. Fühlte sich deutlich brutaler an. In den Untiefen des Gepäcks ließ sich zumindest noch ein Schal auftreiben. Von irgendwoher ertönte auch ein nerviges, niederfrequentes Brummen, welches mit der Intensität des Windes korrelierte. Ähnlich schön wie der allgegenwärtige Sound der Autobahn.


NGC 3600: Gemäß DSS ging ich von einem langgestreckten Nebel aus. Daher notierte ich: "Z hell, der Rest verblasst nach außen, Z-Gebiet bisschen bauchig, die Enden echt schwach". Das Foto narrt da ein bisschen; zwar ist das 'ne Edge-On, aber im 16er bleibt unterm Strich nur das kugelige Zentrum übrig. Der Knoten im Südteil: Nein.

Der Wind wurde immer unangenehmer und wedelte ein paar DSS-Ausdrucke davon, die sich in den knüppelharten Ackerfurchen verfingen. Hände: Gefroren. Ein Doppelstern lag auf dem Weg, Ho 50, aber ich sah nur einen hellen, gelben Flatsch. Irgendwas begann zu lärmen in Richtung des zugefrorenen Bachs in der Nähe, und das wurde immer lauter. Es knackste, knirschte und raschelte. Mich lenkte das ab. Mit roter Lampe lief ich zum Graben, leuchtete zur vermuteten Geräuschequelle und sah, wie zwei blutrote Augenpaare unten auf den Eisschollen das Licht reflektierten. Das sah ein bisschen creepy aus... Irgendwelche Viecher hatten den wasserlosen Bach als Laufbahn benutzt und drehten freundlicherweise schnell wieder um, als sie mich bemerkten. Ich frage mich, wessen Schreck in diesem Moment größer war - meiner oder deren.


Abgelenkt hatten sie mich von der Beobachtung von MCG +7-23-18, die ein bisschen tricky war. Bei 197x sah ich, südlich des 9,1mag hellen Feldsterns, auch den zweiten Stern, aber keine Galaxie. Das 9mag-Teil störte mich, obwohl der nun auch nicht soo hell ist. Bei 370x ging es dann: Die Galaxie erscheint in rundlich-formloser Gestalt, aber die zweite Galaxie, die zwischen der größeren und dem Stern liegt, war nicht als einzelnes Objekt zu erkennen. Allerdings blieb der Lichthof des Sterns mit der großen Galaxie verwachsen - ob das jetzt ein Hinweis auf die kleine Begleiterin ist, die die Lücke zumindest indirekt füllte, keine Ahnung.

Es war halb 3, nochmal Aufwärmpause mit Kaffee. Super Trick, bin immer wieder aufs Neue begeistert: Wärmeflasche unter die Pullis stopfen. Das ist der absolute Hammer. Oberkörper ist warm und man kann schnell mal die Hände unter der Jacke wärmen. Die waren nämlich längst wieder zu schmerzenden, eisekalten Klumpen mutiert. -2°C, nie im Leben. Der Windchill war grausam.


Mrk 421 war dank der hellen Feldsterne (6 und 7,5mag) schnell eingestellt, allerdings störten sie auch bei der Beobachtung. Vor allem der westliche. Aber nicht so schlimm. Denn: Mrk 421 war ein leichtes Objekt. Überraschte mich selber, aber bei 197x sah ich am fraglichen Ziel ein helles und stellares Dings, dauerhaft und zweifellos. Verwechslung mit Stern? Nee, da ist keiner, nur das Objekt. Bei 370x noch deutlicher. "wie ein Stern, gar kein Problem! formloser kompakter Klops", notierte ich, und dass die Trennung von der zweiten Galaxie nicht möglich war - hatte ich aber auch nicht erwartet. Auch die dritte Galaxie östlich, UGC 6140, zeigte sich nicht. Die blieb wahrscheinlich am Misthimmel hängen; ich denke, die geht prinzipiell. Daher bleibt das Objekt für dunklere Momente im Ordner. Jedenfalls staunte ich über die Gestalt, "sieht nicht aus wie 'n Nebel" - ist ja auch kein klassischer Nebel. Blazar, Quasar, und wie sie alle heißen, sehen eher aus wie Sterne. Aufm DSS jedoch wirkte Mrk 421 schon noch etwas, naja, fülliger, daher die Irritation. Aber nette Überraschung in jedem Fall.

UGC 6135: Bei 197 leicht zu sehen; wieder ist ein heller Feldstern im Gesichtsfeld, der das Aufsuchen erleichtert. Ein runder Tupfen, zur Mitte hin leicht heller. Nix Spektakuläres. Allerdings sah ich auch die benachbarte Galaxie, die deutlich kleiner und schwächer war, wiederholt aufleuchten. Und zwar dort, wo sie auch sein soll. 

Damit war der machbare Teil meines Hauptprogramms durch. Das, was da noch hätte kommen können/sollen, war in die Bäume reingewandert. Dann halt nächstes Mal. Ich flog noch über ein paar Doppelsterne drüber, die bei der Wagendeichsel positioniert sind. Nennenswert war dabei aber nur Σ 1695. Bei 197x getrennt, aber eng; viel Platz dazwischen war nicht mehr. Wenn der Wind am Teleskop wackelte, backten beide Sterne zusammen. Recht großer Helligkeitskontrast. Komponente A bisschen gelblich. Durch die Deichsel sauste dann ein heller Meteor, als ich gerade hochblickte - das werte ich mal als gutes Zeichen, wofür auch immer. Letztes Objekt dort oben war der Asterismus Ferrero 6. Nichts Spannendes, nur eine große, lose-zerstreute Gruppe. Einen "Eifelturm" sehe ich darin nur mit sehr viel Fantasie.

Es war 4 Uhr. Mir reichte es, der Wind ging mir auf den Senkel. In der Hoffnung, noch ein Stündchen Schlaf abzufassen, packte ich mit meinen behandschuhten Eispfoten das Gerümpel zusammen und entschwand von der Bildfläche.